Was von Shabby Chic Möbeln zu halten ist
Wenn man in den letzten Jahren mal in einem Möbelhaus war oder in einem entsprechenden Katalog blätterte, dann sind einem vielleicht all die ältlich wirkenden, ganz offenbar eigenwilligen Originalen nachempfunden Möbel aufgefallen. Dieser Trend hin zur Wiederaufnahme alter und klassischer Muster der Moderne ist gegenwärtig sehr präsent und deutlich und die wenigen auf dem Markt erhältlichen Originale wie der berühmte Nierentisch aus den 60er sind meist schnell vergriffen.
Warum aber sollte man sich überhaupt damit beschäftigen? Galt nicht bis vor Kurzem noch das Credo, je älter desto besser, desto wertvoller ist ein Möbelstück? Klar, wer einen Eichenschrank aus dem Mittelalter zu Hause stehen hat (vorausgesetzt, dieser hat sich gehalten und ist nicht, wie die meisten Holzaltäre in Dorfkirchen von Würmern zerfressen), der hat auch einen großen Wert in petto, doch damit leben und wohnen ist wohl eher kompliziert. So meint Shabby Chic eben auch nicht das Aufgießen eines jeden überkommenen Musters, sondern konzentriert sich gezielt auf das Bauhaus, den Jugendstil oder auch auf Art Déco – kurz auf all jene Epochen der Moderne, die schon immer eher eigenwillig und manchmal auch sonderbar daherkamen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Bauhaus – Periode es war, die den Muff der klassizistisch überladenen Heldentempel aus der Wilhelminischen Ära und danach auskehrte! Bauhaus gefiel nicht jedem und ist auch heute ein Spezifikum für viele. Als Shabby Chic Element können die genannten Epochen jede wirklich jede Wohnung ungemein aufwerten und wer das Glück hat, ein solches Original zu ersteigern, der weiß auch um die besonders langlebige und aufwendige Qualität dieser Möbel.
Wo man Shabby Chic Möbel kaufen kann und welche Gefahren drohen
Bevor es überhaupt ans Einrichten in diesem Stil gehen kann, sollte zunächst jedem klar sein, dass Shabby Chic Möbel zumindest im Original sehr schwer zu bekommen sind. Seit Jahren schon sammeln vermögende Liebhaber und aufgeblasene Neureiche alles, was irgendwie nach Vintage klingt und aussieht. Bei diesen Preisexzessen geht es nicht um Geschmack, sondern um Rendite. Wer die Russen und Chinesen kennt, der weiß dass denen selbst beim Parfüm der Flakon und der Name mehr gelten als der eigentliche Duft! Kein Wunder also, wenn sie sich die Möbel überteuert kaufen und liefern lassen und diese dann ungenutzt in Lagerhallen stehen oder allein zur Dekoration (und zur Angeberei) ansonsten Geschmacklose Salons schmücken. Möbel sind jedoch bekanntlich zum Wohnen und damit auch zur wohnlichen Nutzung dar, wer das verkennt ist entweder ein Ignorant oder total bescheuert. Aber das nur am Rande.
Da die meisten Originale also ziemlich überteuert sind und sowieso kaum erhältlich, erhofft sich so manche von Vintage Möbeln Begeisterte ein Schnäppchen auf dem örtlichen oder überregionalen Flohmarkt. Selbst Second Hand Läden erhalten manchmal Anfragen, müssen jedoch in der Regel passen: Zu wertvoll, zu gesucht sind die originalen Möbel und mancher Händler, der sonst alles zuverlässig auf dem Markt anbietet, wird bei einem echten Nierentisch ein großes Geschäft machen wollen – und das ist auf dem Trödelmarkt kaum möglich! Aber wer Geduld und vor allem Glück hat, der findet gerade kleineres Interieur wie Lampen oder entdeckt verschlissene Originale, die sich mit ein bißchen Aufwand wieder herrichten lassen.
Shabby Chic freilich ist wie beschrieben ein Trend und deshalb haben sich auch die großen, auf Masse produzierenden Möbelhäuser darauf spezialisiert. Dort erhalten die Kunden alt wirkende Schränke mit jeder Menge Patina, dort stehen mehrfach lackierte, vorgebliche Jugenstil Kommoden und scheinbare Bauhausstühle einträchtig nebeneinander. „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ – Walter Benjamin hätte wohl seine helle Freude gehabt (und größte Verzweiflung empfunden) im Angesicht der schamlosen Schwindeleien von Ikea und Co. Aber der Markt verlangt es und es muss auch nicht schlecht sein, sich dergleichen in die Wohnung zu stellen. Der Eindruck zählt, der persönliche Geschmack ebenso und wen Mängel an Qualität und Verarbeitung nicht stören, der kann sich das Haus auch auf diese Weise einrichten. Vintage Möbel von Ikea sind immer noch weitaus schöner als jenes blasse und nur mit viel Farbe überhaupt irgendwie wirkende Interieur, das die Schweden sonst noch im Programm haben.
Und nicht zuletzt lohnt sich auch immer der Weg zum Fachgeschäft. Klar, ganz so billig sind die nicht, aber dafür haben sie definitiv Qualität und vielleicht auch das eine oder andere Original im Programm. Dazu kommen im Fachgeschäft häufig interessante Entwürfe zeitgenössischer Designer, die Shabby Chic Möbel neu produzieren und weitere Elemente einfließen lassen. Auch die Beratung und der Service sind besser als im Möbelhaus.
Die größte Gefahr ist die einer Fälschung. Auch kriminelle Subjekte wollen am Trend verdienen und bringen allerlei Sachen auf den Markt, die oft kaum als Kopien erkannt werden. Ein ganz guter Diagnoseweg ist dabei der Preis, denn in der Regel bieten Fälscher ihre Produkte ein wenig billiger an! Vorsicht also bei besonders aktiven wie lukrativen Verkäufern. Niemand verschenkt Geld und niemand verkauft einen Le Corbusier Sessel für ein paar hundert Euro!
Einrichten
Wie aber richtet man eine Wohnung gelungen ein? Diese grundsätzliche Frage kann ich hier natürlich nicht beantworten, will aber zumindest auf einige wichtige Regeln im Zusammenhang mit Shabby Chic eingehen. Immer sollte man sich im Klaren sein, dass diese Möbel ungeheuren Charakter haben, oft sehr eigenwillige Entwürfe darstellen und dabei gezielt auf Eindruck und Repräsentation setzen. Wer nun aber lieber unauffällig wohnt, niemals Gäste hat und auch sonst lieber grau dem Bunten vorzieht, sollte von dieser Art Möbel die Finger lassen. Vintage verändert Räume, es wertet sie auf, kann sie aber auch erdrücken. So gibt es Menschen, die geben viel Geld für einen Sessel aus dem Jugendstil aus – und stellen diesen dann neben die Schrankwand von Ikea! Abgesehen davon, dass dieses schwedische Möbelhaus sowieso die banale, nivellierende Geschmacklosigkeit gepachtet zu haben scheint (was kaum einer mitbekommt, funktioniert deren Reklame wenigstens sehr gut), sollte man immer auf ein perfektes Zusammenspiel von Shabby Chic und Umgebung achten. Vintage und Vintage passen sehr wohl zusammen, ebenso wie Shabby Chic – aber dann sollte zumindest die Epoche stimmen. Als Hintergrund empfehlen sich Pastellfarben und eher unauffällige Farben. Wird jedoch ein Kontrast gewünscht, so ist das auch gut möglich, hängt dann aber auch von den Möbeln selbst ab. Ich persönlich halte es für vorteilhafter, das Möbelstück selbst gegenüber seiner Umgebung zu kontrastieren, was im Angesicht der schwierigen Beschaffungslage von originalem Vintage Vorteile haben kann: Wenn ich nur eine alte Bauhauslampe auf dem Trödler finde, kann ich diese dafür auch bunt anstreichen und schon ist sie ein noch größerer Anziehungspunkt in meinen Räumlichkeiten als ohnehin schon! Keine Sorge, Vintage ist geduldig und hat genug Präsenz um farbliche Umgestaltungen zu überleben und sogar aufzunehmen. Man stelle sich vor, eine Ikea Lampe würde umgestrichen! Das sieht bestimmt nicht schön aus.
Bei Shabby Chic geht das und wenn auch immer und zuvorderst der eigene Geschmack entscheiden sollte, ist es doch zugleich absolut sinnvoll, geschickt zu kombinieren oder zu kontrastieren. Dadurch erhält jede Wohnung, unabhängig von Lage, Preis und sogar Schnitt einen individuellen Charakter. Gäste staunen und das eigene Auge ist auch zufrieden. Möbel sind schließlich ein Teil der Persönlichkeit ihres Besitzers, weshalb man sich schon im Klaren sein sollte, das Shabby Chic immer auch ein wenig Umsicht und ästhetisches Bewußtsein erfordern.